Coming-out unmöglich?

Letzte Schulstunde, Sport steht auf dem Programm. Der Neuling, ist nicht nur unglaublich cool, er sieht braungebrannt und verschwitzt, wie er ist, in den roten Trainingshosen und der Wuschelfrisur noch besser aus als sonst. Ich frage mich: «Ist das eigentlich normal, wenn man andere Jungs attraktiv findet oder bin ich vielleicht schwul?»


In letzter Zeit passiert mir das öfters... Ich werde laut aus meinen Gedanken gerissen: «Hey, aufwachen! Wo sind die Mannschafts-Bändel!? Vergessen?» Mein Sportlehrer schaut mich böse an und bellt gleichzeitig: «Ok, Jan* und sein Team spielen ohne Shirt. Dann haben die Ladies wenigstens einen Grund, hier rumzulungern! Nicht wahr, Patrick? » . Ich nicke schnell und wende meinen Blick zu den ausnahmslos weiblichen Groupies am Spielfeldrand. Seit Jan in der Parallelklasse ist, scheinen sie wie Pilze aus dem Boden zu schiessen... Ich frage mich:

«Bin ich der männliche Groupie hier, oder was?»

Jan zieht sein Shirt aus und wirft es lässig auf den Rasen. «Genügend Gründe, die Bändel auch nächste Woche zu vergessen», denke ich. Nach dem Sport zieh ich mich schnell um und schaff's, denselben Bus wie Jan zu erwischen. Wirklich miteinander gesprochen haben wir noch nicht. Wieso eigentlich nicht? Bei den anderen Jungs klappt's doch auch. Und vor allem mach ich mir bei ihnen nie solche, spezielle Gedanken. Aber irgendetwas ist bei bei Jan anders. Jedesmal wenn er mich anspricht, bringe ich nur kurz Sätze über die Lippen - und könnte mich dafür jeweils ohrfeigen! Auch dieses Mal schaffe ich es nicht, ihn anzusprechen. Er steigt zwei Stationen vor mir aus: «See you.» «See you». Das Wochenende liegt vor mir und ich habe Zeit mir alles in Ruhe zu überlegen, erleichtert bin ich trotzdem nicht.

«Das ist doch alles nicht normal... oder etwa doch?»

Am Wochenende kreisen meine Gedanken endlos…Wie ticke ich überhaupt? Jan tickt sicher nicht wie ich... Sonst würde er nicht ständig «Schwuchtel» als Schimpfwort benutzen! Oder macht er es vielleicht gerade deswegen? Irgendwie versetzt es mir immer einen Stich, wenn er oder andere so reden. Aber schöne Augen hat er... Stopp: Was soll das alles? Vor den Sommerferien fand ich doch Rahel noch ziemlich toll. Aber seit dem Augenblick, als Jan das erste Mal mit seinem strahlenden Lächeln im Sportunterricht aufgekreuzt ist, kann Rahel einfach nicht mehr mithalten. Ihre Augenfarbe? Entweder blau oder grün - ich mag dieses warme und doch irritierende Braun von Jans Augen lieber. Gleichzeitig aber wünsche mir seit ein paar Wochen öfters:

«Bitte auf keinen Fall schwul...»

... denn das bräuchte ich jetzt nicht auch noch. Wenn, dann höchstens bisexuell! Aber wäre «Schwul-Sein» falsch? Und seit wann interessieren mich eigentlich die Augen von Jungs? Bin ich irgendwie krank oder hat mir der Korb von Daniela letzten Winter einen Knacks verpasst? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich das alles blitzartig abstellen muss! Aber will ich das wirklich?

In den Momenten, in denen ich an Jan denke oder ihn sehe, fühlt es sich nicht falsch, sondern genau richtig an. Macht mein bester Freund Phillip aber mal wieder seine Kommentare über diese «tuntigen Fernsehmoderatoren, die eh keine echten Männer und doch alle krank sind» fühle ich mich immer irgendwie schuldig und schlecht.

Ich bete eigentlich nie. Bin ich jedoch nach solchen Sprüchen einen Moment für mich alleine, bitte ich Gott inständig, dass er Jan endlich «aus» und Rahel wieder «in» meinen Kopf reinhämmert - vergebens. Ich frage mich immer häufiger:

«Wie kann man sowas erklären - was soll ich überhaupt erklären?»

Und vor allem: Wie würde ich sowas meinen Eltern beibringen? Kürzlich meinte meine Mutter beim Abendessen wie aus dem Nichts: «Ich freue mich jetzt schon auf meine Enkelkinder.» «Ähm, ist das nicht etwas verfrüht?» «Ja klar... aber ich freue mich trotzdem drauf. Kann ich doch sagen, oder?» «Klar kannst du...».

Ich fragte mich damals, woher ihr Anfall kommt. Heute befürchte ich eher, dass sie bereits irgendetwas ahnt. Aber alleine der Gedanke, ihr weh zu tun und sie zu enttäuschen, stresst mich tierisch.

Und was würden die anderen sagen...? Würde Phillip mir die Freundschaft kündigen, wenn ich wirklich schwul bin und es ihm sagen würde? Mit ihm möchte ich am liebsten über mein momentanes Gefühlschaos sprechen. Aber weder mit ihm noch sonst jemandem kann ich das. Ich frage mich immer öfters, ob «Schwul-Sein» wirklich so schlimm wäre. Aber ich kenne niemanden in meinem Umfeld, der schwul ist... oder zumindest nicht einen Schwulen, den ich darauf ansprechen möchte.

«Ende gut, alles gut?»



Dies ist ein Teil meiner Geschichte. Auch wenn sie bereits mehr als 10 Jahre zurück liegt, kann ich mich an diesen speziellen Sommer und die erzählten Momente erinnern, als wär alles gestern passiert. Mittlerweilen konnte ich die vielen Fragen für mich klären und weiss, was ich bin und sein will. Vielleicht erzähl ich dir ein anderes Mal mehr davon. Auch wie's mit Jan, Phillip & Co. weitergegangen ist.

Patrick

*Alle anderen Namen im Text verändert.

Tip

Tipp!

Wie weiter? Tipps zum Coming-out:

Wenn du dich beim Lesen an der einen oder anderen Stelle wiedererkennst, dann steckst du vielleicht in einer ähnlichen Situation, wie Patrick damals. Wenn du zurzeit dasselbe Gefühlschaos durchlebst, dann hast du sicher viele offene und brennende Fragen.

Eine kann dir grundsätzlich Niemand beantworten: Ob du nun schwul, bisexuell oder nicht doch hetero bist. Oder etwas, was sich nicht einfach so in eine Schublade reinzwängen lässt. Diese Frage kannst und sollst nur du dir selber beantworten. Nimm dir dafür die Zeit, die du brauchst. Denn die Antwort zählt in erster Linie für dich und nicht für andere.

Geben können wir dir aber einen guten Tipp. Wenn dir das hier gefällt und du mehr davon haben willst: Klick doch mal rechts auf das Fenster "Ich stelle mir genau solche Fragen". Die Jungs haben's wirklich drauf!

Nur noch was von uns zum Schluss:
  • egal, welche sexuelle Orientierung du
  • letztendlich hast
  • egal, wie lange du für's Rausfinden brauchst
  • egal, ob das gleich bleibt oder sich wieder ändert
  • und vor allem: egal, was auch immer
  • andere dazu sagen

Das Wichtigste ist:

DU BIST DU! Und das ist genau richtig so!


Alles Gute & bis bald,

Dein Gay-Box Team
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