Älterwerden mit HIV
Noch bis 1996 wäre die Überschrift zu diesem Artikel wohl auf Unverständnis gestossen. Vielleicht hätte man geglaubt, jemand erlaube sich einen Scherz. Heute ist dieser Satz zum Glück für die meisten HIV-Positiven, die Zugang zu effektiven Behandlungen haben, Realität. Doch wie lebt es sich mit HIV, jetzt, wo man damit älter werden kann? Auf was sollte man achten?
Wir haben recherchiert und mit einem Betroffenen gesprochen, der bereits verschiedene „Epochen“ mit dem Virus durchlebt hat. Dieter ist heute 43. Er erfuhr von seiner HIV-Infektion 1990.
„Als ich von meiner Infektion erfuhr, kam dies einem Todesurteil nahe.“
Als Dieter von seiner Infektion erfuhr, war dies ein Schock. Es gab noch keine wirksame Behandlung, die meisten AIDS-Patienten starben. Es war die Zeit als Hospize wie das Lighthouse (in Zürich und Basel) oder das Anker-Huus in Zürich gegründet wurden. Es war die Zeit, als viele erlebten, wie sie immer mehr Namen in ihren Adressbüchern durchstreichen mussten.
„Ich spüre, es gibt in meinem Leben eine Zeit vor den Medis und eine danach.“
Heute erleben viele HIV-Positive einen „biographischen Bruch“ wenn sie von ihrer Infektion erfahren. Sie markiert den Wechsel von einer Zeit vor in eine Zeit nach der Infektion. Ältere HIV-positive– so wie Dieter – verknüpfen diesen Bruch eher mit dem Zeitpunkt, als nach Jahren der Hilflosigkeit eine wirksame Therapie zur Verfügung stand.
„Ich habe durch die Zeit in den 90er-Jahren, als ich dachte, ich werde nicht sehr alt, keine gute Altersvorsorge aufgebaut.“
Dieter hat während vieler Jahre seine Lebensplanung nicht darauf ausgerichtet, alt zu werden. Seine Altersvorsorge hat er daher nicht so ernst genommen. Heute investiert er mehr in seine Vorsorge, will aber auch das Leben jetzt geniessen. Er glaubt noch nicht ganz daran, dass er „älter als 60“ wird.
Dabei gehen neue Studien davon aus, dass die Lebenserwartung von HIV-Positiven inzwischen praktisch gleich hoch ist wie diejenige von Nicht-Betroffenen, vorausgesetzt, das die Medikamenten-Einnahme zuverlässig erfolgt und regelmässige Kontrollen beim spezialisierten Arzt stattfinden.
Ein bekannter Zürcher Aids-Spezialist sagte kürzlich, er habe inzwischen Patienten, die kurz vor dem Eintritt in ein Altersheim stünden. Nun habe er die Aufgabe, dem Pflegteam im Heim die Angst vor dem neuen Bewohner mit der HIV-Infektion zu nehmen.
„Ich habe meine grauen Haare nicht vom HIV, sondern vom Job.“
Der Verlauf einer HIV-Erkrankung kann trotz der Medikamente unterschiedlich sein. Die einen, so wie Dieter, haben praktisch keine Nebenwirkungen. Andere erfahren durchaus Veränderungen, etwa Fettverlagerungen im Körper oder es treten Abgeschlagenheit und Müdigkeit auf.
Tatsache ist, dass viele HIV-Positive die Behandlung gut vertragen. Im Einzelfall ist es nicht einfach zu unterscheiden, ob bestimmte Veränderungen in der Leistungsfähigkeit oder im Aussehen alters-, HIV-, oder medikamentbedingt, resp. eine Kombination aus allen Faktoren darstellen.
Dieter meint: „Ich bin körperlich recht gut beieinander, insgesamt fühle ich mich sehr leistungsfähig. Ich merke natürlich trotzdem Veränderungen, und da ist die Frage: Sind es die Medis? Ist es HIV? Ist es beides oder ist es gar nix davon? Ist es einfach NUR das Älterwerden, dass meine Leistungsfähigkeit durchaus eher an Grenzen stösst?“
„Ich versuche so zu leben und das zu tun, was mir Spass macht und was mir guttut. So ein bisschen nach dem Motto: An sechs Tagen in der Woche ist mein Körper ein Tempel und an einem Tag ein Vergnügungspark.“
Das ist auch der Rat, den Spezialisten geben: Als HIV-Positiver so „normal“ wie möglich zu leben. Es genügt, sich an die allgemeinen Empfehlungen für die Gesundheitsförderung zu halten. Eine übertriebene Gesundheitsvorsorge oder spezielle Verhaltensweisen sind nicht notwendig. Ausreichend Bewegung, ausgewogene Ernährung und genügend Entspannungsphasen: Das ist für jeden Menschen richtig, ob HIV-positiv oder nicht.
Einen besonderen Stellenwert nimmt das Rauchen ein. Die Ergebnisse aller Studien weisen eindeutig darauf hin, dass Rauchen in Verbindung mit HIV und den Medikamenten einen negativen Effekt auf die Überlebenszeit hat.
„Ich mag da auch mal eine Pause davon haben und einfach leben.“
Dieter beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit HIV. Er hat schon vielen anderen Positiven seine Erfahrungen geteilt. Sich mit anderen Positiven auszutauschen findet er eine der besten Arten, sich zu entlasten und von Erfahrungen anderer zu profitieren. Gleichzeitig stellt er bei sich auch eine Ermüdung in der Auseinandersetzung fest. Er will nicht dauernd daran denken oder darüber reden.
„Ich nehme jeden Tag meine Medis und Vitamintabletten. Das ist in etwa soviel, wie ich mich mit dem Thema beschäftige. Und dann lese ich ab und an nach, was es an neuen Erkenntnissen gibt. Und das ist es dann auch schon. Und ich denke nicht bei jedem Zipperlein gleich: Ist das nun verbunden mit HIV?“
„Freundschaften sind für mich wichtiger geworden.“
Aus der Altersforschung ist bekannt, dass ein stabiles soziales Netz viele Belastungen des Älterwerdens auffangen hilft. „Kaufen Sie sich keine teuren Cremes, laden Sie lieber einen Freund zum Kaffe ein“, empfahl kürzlich ein bekannter Gerontologe an einem seiner Vorträge.
„Ich muss mein Lebenskonzept laufend anpassen. Wer krampfhaft am Jungsein festhält, steuert sich in die Krise.“
Dies zeigt, wie sehr sich die Situation geändert hat. HIV-Positive haben heute Ängste wie viele andere Menschen auch: Nachlassende Attraktivität, Leistungsbeinbruch, Kompetenzverluste und drohende Gebrechen. Nur wo es gelingt, das eigene Lebenskonzept an die sich verändernden Herausforderungen und Gegebenheiten anzupassen, gelingt das Altern gut.
Denn sicher ist: Selten liess sich der medizinische Fortschritt so deutlich erkennen, wie bei der Behandlung des HI-Virus. Mit dieser neuen Normalität umzugehen müssen Betroffene ebenso wie die Umwelt manchmal erst lernen.







