Akzeptiere dich selbst
Du hast ein bestätigtes positives Testergebnis erhalten. Vielleicht bist Du auch schon in Behandlung. Die Nachricht, HIV-positiv zu sein, ist für die meisten eine schwerwiegende Diagnose - auch wenn es heute wirksame Medikamente gegen das Virus gibt.
Nur: Wie behältst Du jetzt einen kühlen Kopf? Was solltest Du tun - und was lieber lassen? Wir haben einen Betroffenen nach seinen Erfahrungen gefragt: Urs, 46, lebt in der Deutschschweiz und arbeitet im IT-Bereich einer Bank. Seit 2000 weiss er, dass er HIV+ ist; seit 2005 nimmt er Medikamente ein.
BOX+: Wie hast Du erfahren, dass Du HIV+ bist?
Urs: Ich stand damals am Beginn einer festen Beziehung. Ich hatte mir etwas Längerfristiges vorgestellt, hatte bereits unsere gemeinsame Zukunft geplant. So nach sechs Monaten fanden wir beide, wir könnten uns eigentlich mal testen lassen, um nicht mehr safer sex machen zu müssen. Also haben wir von der Möglichkeit eines anonymen Tests am Unispital Gebrauch gemacht. Am nächsten Tag erhielten wir die Resultate: Mein Freund war negativ, ich positiv.
Wie ging es mit der Beziehung weiter?
Für mich war alles total neu und ich war unsicher, wie es weitergehen sollte. Er hat es eigentlich recht easy angenommen, da er vorher schon einmal eine Beziehung mit einem HIV-Positiven hatte. Er konnte mir viele Ängste nehmen und mir zeigen, wo es langgeht. Wir waren dann auch 2 ½ Jahre zusammen. HIV war eigentlich kein Thema mehr. Allerdings: Beim Sex war es manchmal schon lästig. Man musste dann zwangsläufig daran denken.
Es hat dann doch nicht mehr geklappt. Ich glaube, dass das Thema HIV bei der Trennung schon eine Rolle gespielt hat, auch wenn er mir sagte, dass es nicht so ist.
War eine Therapie damals schon ein Thema für dich?
Nein, gar nicht. Am Unispital wurde ich sehr gut aufgeklärt, man hat mir genau dargelegt, was nun in meinem Körper geschieht. Das war wirklich beruhigend. Da alle meine Werte sehr gut waren, habe ich mir dann zunächst einmal keine Gedanken mehr darüber gemacht. Heute wird eher zu einem frühen Beginn der Therapie geraten. Die Empfehlungen haben sich in den letzten Jahren mehrmals verändert.
Hast Du das Ganze von Anfang an so gelassen aufgenommen?
Nein, so war das schon nicht. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um damit klarzukommen. Während dieser Phase war ich ganz auf mich allein gestellt. Es brauchte auch seine Zeit, bis ich engen Freunden davon erzählen konnte. Zu meiner Überraschung waren einige von ihnen ebenfalls betroffen und dankten mir für meinen Mut, das Thema anzusprechen. Von da an war es dann leichter für mich, auch andere einzuweihen.
Und wen alles hast Du „eingeweiht“?
Ich bin auch heute noch sehr selektiv mit dieser Information. HIV hat immer noch einen Nimbus, obwohl es eigentlich eine ganz normale Infektionskrankheit ist, die sich inzwischen recht gut behandeln lässt. Sogar unter Schwulen wird das Thema meist nicht offen angesprochen. Auch habe ich Angst, dass ich dann nur noch auf das Virus reduziert werde. Oder dass Leute mich dann für weniger leistungsfähig halten könnten. Ich finde auch Mitleid ganz unangebracht.
Manche sagen, man könne HIV mit Diabetes vergleichen. Beides sind chronische Krankheiten, die sich im Prinzip gut behandeln lassen. Wie denkst du darüber?
Im Prinzip stimmt das schon. Aber eben: Für HIV-Positive gibt es noch viele Diskriminierungen, etwa bei Versicherungen oder am Arbeitsplatz. Da sollte man gut überlegen und sich beraten lassen, wie viel Offenheit wo möglich ist.
Wann hast Du Dich für eine Therapie entschieden?
Das war vor fünf Jahren. Damals meinte der Arzt , meine Helferzell-Zahlen seien gerade so an der Grenze. Aber er überliess mir die Entscheidung über den Zeitpunkt des Therapiebeginns. Ich fand es sehr gut, dass er mich nicht gedrängt hat. So war ich ziemlich gut motiviert, und ich nehme die Medikamente seither auch regelmässig ein – eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Bei mir jedenfalls sind heute keine Viren im Blut mehr nachweisbar.
Und wie steht es mit den Nebenwirkungen?
Bei mit stelle ich zum Glück keine grossen Nebenwirkungen fest. Kurz nach der Einnahme ist mir etwas schwindelig; das vergeht aber nach gut 20 Minuten wieder. Ich habe aber Freunde, die sich äusserlich verändert haben durch eine Umverteilung des Körperfetts. Das kam früher noch bei bestimmten Medikamenten-Kombinationen vor.
Wie bist Du in Beziehungen mit Deiner Krankheit umgegangen?
Das Wichtigste war für mich, dass ich es jeweils den Männern sage, mit denen sich etwas Festes anbahnte - bei One-Night-Stands praktizierte ich ohnehin immer Safer Sex. Inzwischen gehe ich nur noch mit jemandem eine feste Beziehung ein, der auch positiv ist. So ist das Thema von Anfang an erledigt - man weiss , worum es geht und worum nicht. Mit meinem jetzigen Partner habe ich mich auch registrieren lassen. Das hätte ich wohl mit einem HIV-negativen Mann nicht getan.
Was ist aus Deiner Sicht das Wichtigste im Umgang mit der Diagnose HIV?
Man sollte unbedingt darüber sprechen, es in sich hineinzufressen ist eine zu grosse Belastung. Man sollte aber gut auswählen, mit wem man dies tut. Im Zweifelsfall würde ich am Arbeitsplatz eher nicht darüber sprechen. Die Aids-Hilfen bietet bei rechtlichen Fragen eine sehr gute Anlaufstelle. Bezüglich einer Therapie würde ich zu einem HIV-Spezialisten oder in die Schwerpunkt-Klinik eines Unispitals gehen. Wichtig ist, dass der Arzt oder die Ärztin Erfahrung im Umgang mit HIV und der Behandlung hat.







