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„Lieber wäre ich für ihn gestorben.“

Um seinem HIV-positiven Freund noch näher zu kommen, schlief René jeweils ohne Kondom mit ihm. Heute sind sie getrennt und René ist ebenfalls infiziert.

Von Markus Fleischli

Wie eine ruhige, grüne Oase wirkt der Innenhof, über den man in die Stadtwohnung von René* gelangt. Alles blüht, die Natur erwacht zu neuem Leben. Vor wenigen Jahren hätte zum Interview wohl eher ein nasskalter Novembertag gepasst als der Wahlzürcher hoffte, dass ihn seine Infektion bald umbringen würde, um es nicht selbst tun zu müssen. Doch heute drückt das Frühlingswetter und seine Wohnverhältnisse genau sein Befinden aus.

Seit einem Jahr müssen er und sein Freund auch nicht mehr zwischen England und der Schweiz pendeln, um sich sehen zu können. Das Paar wohnt nun zusammen. „Ich bin dankbar, einen solch wertvollen Menschen gefunden zu haben, dem ich 100-prozentig vertrauen kann“, freut sich der 43-Jährige, der früher von mehreren Männern abgewiesen wurde. Grund: sein HIV-Status.

Nicht auf Vertrauen aufgebaut war Renés letzte Partnerschaft mit Tim*– im Gegenteil. „Tim wurde als Kind von seinen Eltern verlassen und seinem Schicksal überlassen. Wohl aus diesem Grund vertraute er grundsätzlich nur sich selber“, erzählt René, der von seinen Eltern ebenfalls im Stich gelassen worden war und bei verschiedenen Pflegeeltern aufwuchs. Aus Angst René zu verlieren, klärte ihn Tim nicht über seinen HIV-Status auf, auch dann nicht, als René mit ihm zusammen einen Test machen wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden ausschliesslich geschützten Sex.

Tim machte auch einen Test, obschon er das Ergebnis kannte. Bestürzt reagierte auch nur René. Er schlief später dennoch immer wieder ohne Kondom mit ihm. „Ich dachte, das Risiko sei als aktiver Part gering, was natürlich sehr blauäugig war“, so René. Doch in seinem Unterbewusstsein mussten sich auch ganz andere Gedanken abgespielt haben, wie er später während einer psychologischen Weiterbildung herausgefunden hat. „Durch die Verbundenheit mit Tim, der rein äusserlich ein absoluter Traummann verkörperte, entstand in mir ein trügerisches Gefühl von Sicherheit und Unverwundbarkeit“, erinnert sich der Sales Manager. „Wahrscheinlich hatte ich unterbewusst auch Angst, dass Tim an Aids sterben könnte. Lieber wäre ich für ihn gestorben.“

Da René herausbekam, dass ihn Tim immer wieder betrogen hatte, trennte er sich nach einer zweijährigen Beziehung von ihm. „Ich musste ihn verlassen, sonst wäre ich psychisch zu Grunde gegangen.“ René wurde depressiv, verlor jeglichen Lebensmut. In dieser Zeit erfuhr er auch, dass er nun ebenfalls HIV-positiv ist. Innerhalb nur drei Monaten zerstörte der Virus einen Grossteil seiner Helferzellen, sie sanken von 800 auf 60. Eein gesunder Mensch hat pro Mikroliter Blut zwischen 500 und 1200 der so genannten CD4-Zellen, die das Immunsystem koordinieren und helfen, Infektionen zu bekämpfen. Eine derartige Abnahme der CD4-Zellen dauert in der Regel mehrere Jahre. Die Vieren in Renés Blut explodierten. Obschon er sich zu dieser Zeit nach dem Tod sehnte, begann René mit der antiretroviralen Therapie. „Es gab zu viele Dinge in meinem Leben, insbesondere meine Freunde, die mir sehr viel bedeuten“, begründet er den Entscheid.

Nachdem die Abwehrzellen zunächst nur zögerlich angestiegen waren, machten sie nach einem Jahr innert kurzer Zeit einen grossen Sprung. „Mein Arzt fragte mich, ob ich verliebt sei.“ Der Arzt hatte Recht: René verliebte sich in seinen heutigen Partner, der vor HIV und Aids zwar Respekt, aber keine Angst hat. Denn er weiss über das Thema Bescheid. René geht es heute wieder gut. „Meine körperlichen Ressourcen sind einfach schneller aufgebraucht“, sagt er. Doch auch dem kann der Optimist etwas Positives abgewinnen: „Ich höre heute einfach mehr auf meinen Körper.“ Renés positive Einstellung kommt auf jeden Fall seinem seelischen Wohlbefinden zu Gute – doch nicht nur. Studien belegen, dass die psychische Verfassung den Verlauf einer HIV-Infektion – selbst bei Betroffenen mit antiretroviralen Therapien – beeinflussen kann.

*Namen von der Redaktion geändert

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