Die Diagnose HIV+ überfordert nicht nur Patienten
Die Diagnose HIV+ ist auch heute noch für viele ein Schock. David traf die Nachricht ebenfalls wie ein Schlag ins Gesicht. Er war gerade mal 19 und hatte eben erst sein Coming-out.
Von Markus Fleischli
David* erinnert sich an jenen Tag, an dem er die Diagnose HIV+ erhielt, als wäre es gestern gewesen. „Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Die Leute sassen in Strassencafés, lachten und tranken Kaffee. Ich war glücklich. Denn ich war zum ersten Mal bis über beide Ohren verliebt“, erzählt der 29-jährige Zürcher mit funkelnden Augen.
Dann hält er aber inne und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. Davids Mine verrät, dass ihn Gedanken an diese Liebe auch mit Schmerz erfüllen. „Wegen ihm, Jérôme*, machte ich den HIV-Test. Aber auch deshalb, weil ich wieder zu 100 Prozent sicher sein wollte, dass ich negativ bin. Denn ich hatte zweimal ungeschützt Sex.“
Die Diagnose
Als David das Ergebnis seines HIV-Tests in der Arztpraxis abholen wollte, bat ihn die Praxisassistentin im Wartesaal Platz zu nehmen. Seine Unbeschwertheit wich plötzlicher Nervosität. „Warum kann sie mir nicht gleich sagen, dass mein Test negativ ausgefallen ist, fragte ich mich damals“, erinnert sich David.
Er versuchte sich zu beruhigen, indem er sich einredete, dass ihm der Arzt einfach noch eine Standpauke halten möchte. Nach einem rund halbstündigen Wechselbad der Gefühle wurde er von der Praxisassistentin ins Sprechzimmer gerufen. „Sobald der Arzt hinein kam, wusste ich, dass ich mich getäuscht habe. Das Blatt Papier mit dem Testresultat bewegte sich hin und her. Grund dafür waren seine Hände – sie zitterten “, schildert David.
Wahrscheinlich ist dem Arzt die Diagnose so nahe gegangen, da er einer der jüngsten Patienten war, denen er die schlechte Nachricht überbringen musste. „Als ich die Worte „HIV-Positiv“ aus seinem Mund hörte, schlugen mir diese wie eine Flutwelle ins Gesicht und raubten mir den Atem“.
Wie reagiert mein Freund?
David sass wie erstarrt da. Als er wieder klar denken konnte, galt sein erster Gedanke Jérôme. „Ich hatte grosse Angst, dass ich ihn angesteckt habe.“ Obschon David damals noch nicht wusste, wie Jérôme auf seine Diagnose reagieren würde, schoss ihm gleich eine weitere Frage durch den Kopf: „Finde ich so überhaupt wieder einen Partner?“ Wie sich hinausstellen sollte, war das eine berechtigte Frage.
Der Arzt hat daraufhin noch etwa eine Viertelstunde mit ihm gesprochen. An den Inhalt kann er sich jedoch nicht mehr erinnern. „19 und HIV, dies ging mir unentwegt durch den Kopf.“. Nachdem David seinem Freund Jérôme tags darauf seine Diagnose anvertraut hatte, zerbrach diese Beziehung. Seither sieht er David nur noch per Zufall.
Nach Zeiten seelischer Tiefs und einer Kette von Krankheiten, die durch das HI-Virus verursacht wurden, geht es David heute ziemlich gut. Im Rahmen von zwei verschiedenen Präventionsprogrammen besucht er Schulklassen, in denen er aus seinem Leben als HIV-Positiver berichtet. Dank dieser Tätigkeit ist er sogar fähig, in seiner Infektion einen Sinn zu sehen.
*Namen von der Redaktion geändert







